Ich fand es immer schade, bloß ein einziges Leben zu haben …

Deswegen bin ich Journalistin geworden. Wie sieht die Welt aus an anderen Orten, in anderen Köpfen, in anderen Leben? Was läßt sich in Erfahrung bringen und wie läßt es sich erfahrbar machen? Als Journalistin darf ich Tage und Wochen zubringen mit Alzheimerkranken, Geldanlegern, Liebesuchenden, Notärzten, Privatschülern, Strafgefangenen, Magersüchtigen, obdachlosen Akademikern, Autonomen in Brandenburg. Journalismus ist die unschätzbare Chance, jeden alles zu fragen – und Gast zu sein in fremden Leben. Meine Produktionen haben zumeist sozialpolitische Themen, mich interessiert die Struktur hinter dem Phänomen.
Seit ich mit 15 das erste Aufnahmegerät bekam, nehme ich alles auf. Mit und ohne Gerät.
Zunächst im Rheinland. Studium in Berlin. Volontariat beim RBB. 12 Jahre in einem Kreuzberger Hausprojekt. 22 Jahre Berliner Journalistenbüro. Permanente Produktion von Filmen und Texten.
Handwerk, Funktionsweise, Bewandtnis des Journalismus – das ist zugleich der Stoff meiner Arbeit am
Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin.

Gestohlenes Vertrauen – mit dem Einbruch kommt die Angst

37 Grad | ZDF, 05.09.2017, 22:30 – 23:00

Sicherheit ist ein wichtiges Thema geworden in Deutschland. Auch wenn seit ungefähr einem halben Jahr die Einbruchszahlen wieder etwas zurückgehen, bleibt die Verunsicherung bestehen.

Die Opfer leiden oft noch Jahre später – zumal die Aufklärungsrate laut Polizeilicher Kriminalstatistik bei Einbrüchen 2016 bundesweit bei nur rund 16,9 Prozent lag. Werden sich die Opfer je wieder sicher fühlen in den eigenen vier Wänden?

Das Ende der persönlichen „heilen Welt“

Was ist, wenn die Einbrecher wiederkommen? Wie umgehen mit der Angst? Fragen, die die Opfer bis in den Schlaf verfolgen. So hat es auch die alleinerziehende Innenarchitektin Christina erlebt. Als sie mit ihrem kleinen Sohn eines Nachmittags nach Hause kommt, ist die Wohnung verwüstet. Sämtliche Schränke und Schubladen sind ausgeräumt, Computer, Geld, Kamera – alles weg. Christina versucht, sich zusammenzureißen, aber dieser Nachmittag traumatisiert sie und ihren Sohn.

„Es fühlt sich so eklig an. Ich dachte: Ihr Schweine habt mir echt was weggenommen, nämlich meine heile Welt.“ Nun fragt ihr Sohn immer, ob sie mitkommt, wenn er in sein Zimmer gehen will. Sie soll ohne ihn nicht einmal mehr kurz zum Auto gehen oder einkaufen, weil der Kleine nicht allein bleiben kann. Christina sucht eine Therapeutin auf, weil sie nicht mehr klarkommt. Erst nachdem sie sich ihre Angst eingestehen kann, lernt Christina, mit dem Verlust ihres Sicherheitsgefühls, mit dem Ende ihrer „heilen Welt“, umzugehen. Und mit den Ängsten ihres Sohnes.

Was tun, um sich wieder sicher zu fühlen?

Familie Müller wohnt in einer Kleinstadt, in der besonders oft eingebrochen wird. Marco Müller leitet einen Pflegedienst, Manuela ist Krankenpflegerin. Auch bei ihnen wurde eingebrochen, und seither hält es Marco Müller kaum aus, seine Frau allein im Haus zu wissen, wenn er unterwegs ist.

Die Müllers wollen sobald wie möglich in ein eigenes Haus ziehen. Aber eine allzu aufwendige Sicherheitstechnik können sie sich nicht leisten. Was also tun, um sich wieder sicher zu fühlen?

„Das geht ans Innerste.“

Auch in ländlichen Regionen ist die Welt alles andere als in Ordnung. Als der Landwirt Jens und seine Frau Katrin an einem frühen Winterabend nach Hause kommen, steht die Terrassentür auf. Notebooks, Handys, jede Menge Geld – alles gestohlen. „Das geht ans Innerste, man weiß überhaupt nicht, was man machen soll.“ Für Jens und seine Frau bedeutet das eine existenzielle Verunsicherung, die die Familie vorher nicht kannte.

Das Dorf hat nur eine Handvoll Bewohner. In der Umgebung sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr Polizeistationen abgebaut worden. Und das, obwohl sich die Kriminalität in einigen Regionen Deutschlands aufs Land verlagert hat.

Der Film dokumentiert, wie die Angst nach einem Einbruch das Leben verändert und wie sie bewältigt werden kann.

https://www.zdf.de/dokumentation/37-grad/37-gestohlenes-vertrauen-100.html

Krieg ums Kind – wenn Eltern Betreuung brauchen

 

Menschen hautnah | 24. November 2016, 22.40 – 23.25 Uhr | WDR

„Da ist auf irgendeine Weise das Vertrauen ineinander verloren gegangen“, sagt Cornelia Knöfel. Sie ist Umgangsbegleiterin und betreut Paare, die sich nur noch um ihre Kinder streiten. Manchmal ist es allein die neue Frisur der Kleinen, die schon Anlass zu Ärger gibt. Deshalb regelt Cornelia Knöfel Übergaben, Kindergeburtstage, Urlaubszeiten und vieles mehr.

Jugendamt bietet Umgangsbegleitung an

Sie begleitet zum Beispiel die 9-jährige Charlize zu allen Treffen mit ihrem Vater. Das Mädchen sieht ihren Papa alle 14 Tage für eineinhalb Stunden. Charlize Vater ist über die Umgangsbegleitung nicht begeistert, aber ohne Cornelia Knöfel hätte er seine Tochter zunächst nicht mehr sehen dürfen. In 80 Prozent der Fälle sind es Väter, die Cornelia Knöfel beim Umgang begleitet. Die Umgangsbegleitung wird vom Jugendamt angeboten, manchmal auch vom Gericht angeordnet. Zwischen Charlize Vater und seiner Ex-Frau gibt es trotz Umgangsbegleiterin immer wieder Ärger. Ihre Tochter Charlize leidet unter der angespannten Situation. Als Einmischung in ihr Leben empfindet Grit die Arbeit von Cornelia Knöfel.

Streit der Eltern soll nicht über die Kinder ausgetragen werden

Grit ist Mutter von zwei Töchtern, die beim Vater leben. Sie möchte, dass ihre Kinder wieder bei ihr wohnen. Ein Gerichtsverfahren folgt auf das nächste und es gibt keinen Frieden in der Familie. Cornelia Knöfel soll verhindern, dass der Streit über die Kinder ausgetragen wird. Doch das ist schwierig und irgendwann eskaliert die Situation.

Cornelia Knöfel ist häufig der Buhmann: „Die Verletzung, die die Eltern mit sich herum tragen, sind häufig so unerträglich schlimm und schmerzen. Denen geht’s wirklich schlecht. Und dann ist diese Ablehnung und Verachtung, die sie mir teilweise entgegen bringen, die einzige Möglichkeit, die Situation auszuhalten.“

Bei dem dreijährigen Elias geht der Streit der Eltern sogar so weit, dass sie es nicht in einem Raum miteinander aushalten. Und dann fällt der kleine Elias beim Vater auch noch in den Fluss, das hatte die Mutter schon lange befürchtet. Für sie ein Grund, erstmal alle Besuche von Elias beim Vater abzusagen. Cornelia Knöfel ist wieder gefordert. Wird sie es schaffen, die Eltern zum Wohle des Kindes doch noch an einen Tisch zu bringen? Menschen hautnah filmt die Umgangsbegleiterin Cornelia Knöfel sechs Monate lang bei ihrer Arbeit und zeigt, was Eltern sich und ihren Kindern antun.

Ein Film von Anja Kretschmer
Redaktion: Jessica Briegmann

 

Fotobuch Synchron

ein Fotobuch von Walter Krieg und Ines Wenzel mit einem Einführungstext von Anja Kretschmer

synchron

Wenn zwei Dinge zueinander kommen, kann ein neues Ding dabei entstehen. Wir kennen das aus der Biologie.

Das funktioniert aber auch anderswo – im Glücksfall. Der Glücksfall benötigt einen Funken, der zwischen den beiden zuvor beziehungslosen Dingen überspringt und es entsteht: Bedeutung.

Wahrscheinlich hat das etwas mit unserem wundersamen Gehirn zu tun. Es bildet selbsttätig Zusammenhänge, erkennt Strukturen und freut sich daran. Diagonal aufgereihte Kuchenkirschen in einer Masse von Zuckerguss + diagonal aufgereihte Fabrikarbeiter in einer Masse von Kartons. Zwei seitlich liegende Kühe mit angewinkelten Beinen + zwei seitlich liegende Soldatinnen mit angewinkelten Beinen und den Waffen im Anschlag. Zwei Blechsärge parallel in brauner Erde + zwei Blechmülleimer parallel vor braunem Stahl. Das Gehirn probiert Zusammenhänge aus: vorher/nachher, Kommentierung, Ironie, Wieder-Erkennen im Anderen.

Synchronität – und ihre räumliche Schwester Symmetrie – galt lange als Indiz für Schönheit. Wir haben es gern, wenn Gesichter beispielsweise rechts und links von der Nase achsensymmetrisch verlaufen, wenn Arm und Bein jeweils symmetrisch zum anderen Arm und Bein sind. Vielleicht hat das Gleichmaß der Dinge immer noch etwas Beruhigendes, bedient es den unbewussten Wunsch nach Harmonie und Ordnung in einer chaotischen Welt.

Doch bei diesen Bildern geht es um Synchronität im Disparaten. Das Synchrone stellt erstaunliche Zusammenhänge her zwischen Kühen und Soldaten, Kreuzen und Keksen, Supermärkten und Beerdigungen. Es geht also gerade nicht um ein ästhetisches Gleichmaß aller Dinge, sondern um ihr verborgenes Verwandt-Sein, das ebenso kurz wie überraschend aufleuchtet in jenem Funken, der entstehen kann, wenn zwei Dinge zueinander kommen.
Anja Kretschmer


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Fotos von der Verleihung des Karl Kübel Medienpreis 2015

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Fotos: © Thomas Neu/Karl Kübel Stiftung

... und sonst
  • 2016 Gastdozentur Universität Moskau, Staatliches Institut für Internationale Beziehungen
  • 2015 Karl Kübel Medienpreis für die Reportage Meine, deine, unsere Kinder im Rahmen der Reihe 37 Grad des ZDF
  • 2012 Gastdozentur an der Media School der George Washington University, Washington D.C.
  • 2003 Journalistenstipendium der Rias-Kommission, Duke Universität, USA
  • 2002 Geisendörfer-Preis für die Dokumentation Lehrer – ungeliebt und ausgelaugt? SFB
  • 1999 1. Medienpreis der Ideal-Versicherung für die Reportage Anonym bestatten, SFB
Anja Kretschmer
Anja Kretschmer